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Dienstag, 23. Dezember 2014

Vertrocknende Zweige

Ich war immer ein Weihnachtsmuffel, aber mit Familie sieht das etwas anders aus. Strahlende Kinderaugen haben etwas Magisches, und auch meine geliebte Frau trägt eine Menge dazu bei, auch in mir so etwas wie Weihnachtsstimmung zu wecken. Nun plant man viel hin und her, und man opfert gemeinsame Zeit zugunsten eines wohl geordneten Ablaufs. Auch mich erwischt es dieses Jahr. Ich verbringe einen Abend allein zuhaus. An sich eine gewöhnliche Sache, aber nun stimmt es mich doch etwas wehmütig. Ich weiß, dass ich meine Familie morgen wieder sehe, aber heute Abend wird mir nur der festlich geschmückte Weihnachtsbaum Gesellschaft leisten. Es ist, als hätte jemand auf die Pausetaste gedrückt. Zu gern möchte ich meine Frau in den Arm nehmen, ihr sagen, dass ich sie liebe und meinem Sohn liebevoll über den Kopf strubbeln.
Wie es bei mir immer so ist, inspiriert mich diese Stimmung zu einem Gedicht.

Vertrocknende Zweige

Wehmütige Klänge schweben durch die Äste
Des geschmückten Weihnachtsbaumes
Lichter spiegeln sich in bunten Kugeln
Sie gemahnen deiner Augen

Nur ich atme den Duft des Baumes
Einsam qualmt die Räucherkerze
Doch weihnachtlicher wird es nicht
In unsrer leeren Stube

Auch wenn die Tage länger werden
Wird doch die Nacht nicht kürzer
Zu dieser Zeit ist dein Fehlen
Als hielte Weihnachten den Atem an

Noch ein Plätzchen, ein Schluck Wein
Dann geh ich in ein viel zu großes Bett
Und der Weihnachtsbaum ist nur
Ein Haufen vertrocknender Zweige

Bis ich dich endlich wieder seh

Creative Commons Lizenzvertrag
Vertrocknende Zweige von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Montag, 18. August 2014

Des Seraphen Wiederkehr

Zu den folgenden Gedichten muss ich etwas ausholen. In meiner ersten Veröffentlichung namens "AusLese" gab es eine kleine "Trilogie" (+Epilog) von Gedichten, in denen ich meine damalige Gefühlswelt zum Ausdruck brachte. Das war irgendwann im Jahr 2002 oder Anfang 2003. Ich war nach dem Schulabschluss noch ein wenig orientierungslos und... naja, meine Gefühlswelt war auch nicht gerade übersichtlich. Nur zwei Jahre später sah alles komplett anders aus: Meine Gedanken waren geordnet, ich war bereits mit der Frau zusammen, deren Ehemann ich nun bin und der ich es verdanke, ein stolzer Vater zu sein. Irgendwo in mir hatte sich ein Schalter umgelegt, der die Welt in einem völlig neuen, wesentlich positiveren Licht leuchten ließ. Da ich auch zu dieser Zeit noch literarisch aktiv war, lag es nahe, diese neu aufkeimende Lebensphilosophie in eine lyrische Form zu gießen.
Ich knüpfte direkt an die ältere Trilogie an und schrieb eine dazu passende, neue Trilogie.
Sie erschien in meiner zweiten Veröffentlichung "Und es leuchtet doch...". Bei meinen Lesungen nahm ich sie aber dennoch selten ins Programm auf, weil ich davon überzeugt war, dass sich kaum ein Leser respektive Zuhörer in diesen Zeilen selbst erkennen würde. Den Literaturnobelpreis verdient dieses Werk sicher auch nicht gerade, das war mir von Anfang an bewusst. Deshalb übersprang ich diese Gedichtserie bislang auch in diesem Blog.
Kürzlich hatte ich aber eine kleine, interessante Diskussion, in der genau diese Gedanken zur Sprache kamen: Es geht letztlich darum, dass man sich nicht einfach in einem selbst gegrabenen Loch verstecken und dann über Einsamkeit klagen kann. Auf Dauer gewöhnt man sich an dieses Selbstmitleid. Man genießt es förmlich, sich selbst zu bedauern und grenzt sich damit nur immer weiter selbst aus. Es ist eine Sackgasse, die zunächst bequem erscheint, letztlich aber einfach nur selbstzerstörerisch ist. Es bedarf nur eines kleinen Stoßes in die richtige Richtung - den kann man sich aber letztlich nur selbst verpassen. Lyrisch ausgedrückt geht das so:

Des Seraphen Wiederkehr

Funken

So saß ich nun im Dunkeln
Die Flammenflügel, die zu Asche wurden
längst verweht
Auf meinem Rücken
da sie wuchsen
tiefe Narben
Peitschenstriemen gleich
Erhob mein Haupt und fand mich blind
Nur einen Funken hatt' ich mit bewahrt
zuckend tief in meiner Brust
Ein leiser Widerhall
längst vergangnen Glückes
Wankend tappte ich voran
Ein nächtlich' Tasten nach dem nächsten Tag
So sucht' ich fieberhaft nach Wärme
bis ich verstand,
dass Ungeduld
nicht brennen kann.


Zunder

Und so setzte ich mich nieder
und besann mich meiner selbst
und der Funke wurde heller
weil ein Schatten von mir wich

Nun seh ich,
was zu sehen mir die eigne Furcht
verwehrte
Und es nimmt den Atem mir
Ich würde lachen,
wär ich nicht entsetzt,
dass ich so blind gewesen:

Ich steh vor einem Berg von Zunder
mit einer Fackel in der Hand
und klagte über Kälte!


Feuersturm

Erstarkten Blickes seh' ich nun
hinauf in gold'ne Sphären
Mit neuen Augen schau ich
den Aufgang
einer neuen Sonne
Und ich versteh:
Nur wer erblicket hat die Dunkelheit,
der kennt den wahren Wert des Lichts!

Glück und Liebe
sprengt die Brust
Der Funke, er entflammt
Feuerstellern rings umher
und Wärme trägt mich rasch empor
in liebliche Gefilde
Flammenmeere überall
Seraphenfeuer lodert
Mein Herz, es brennt so lichterloh
Und Angst und Stolz
und Furcht und Mut
und alles, was ich wieder fühl',
es haucht mir Leben ein.
Die Schwingen, sie vermiss' ich nicht
Ich hab ein Herz, was brauch ich Flügel!


Epilog

Die Euphorie verblasset leis'
sie weicht dem stillen Lächeln
Als neues Wesen blick ich zurück
auf Lehren, die der Schmerz erteilt
Hätt' ich nur dies gewusst,
wär Vieles mir erspart geblieben:
Wer selbst nicht brennt,
kann nicht entfachen
der Liebe mächt'ge Feuersbrunst
Wenn du kein Lichtlein siehst,
so musst du selbst die Flamme sein.



Wie schon erwähnt: Dieses Werk ist vom rein professionellen Standpunkt her nicht unbedingt nobelpreisverdächtig. Aber einige dieser Verse zitiere ich noch heute gern. Insbesondere die letzten beiden.

Anmerkung zur Lizenz: Dieses Gedicht erschien 2006 in der "Campus Artifex" Ausgabe 06/06, Verlag PaperOne, Titel "Und es leuchtet doch...". Da der Verlag die Ausgabe wieder aus dem Programm genommen hat (Restbestände sind über mich erhältlich), stelle ich sie hiermit unter die Creative Commons BY-NC-SA.
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Des Seraphen Wiederkehr von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Donnerstag, 3. Oktober 2013

Rosenblatt

Mal wieder ein Liebesgedicht aus meiner Sammlung, geschrieben ca. 2006. Sicher nicht die Blüte der Dichtkunst, aber auch nicht so schlecht, dass es in Vergessenheit geraten müsste.

Rosenblatt

Im Winde tanzt ein Rosenblatt
drauf legt’ ich einen Satz
Des Anblicks werde ich nicht satt:
Es ähnelt meinem Schatz

Voller Anmut, lieblich-rein
so flattert es davon
Freier könnt’ es wohl nicht sein
als tanzend in der Sonn’

Die Kälte weicht, mir wird so warm
Ich spüre Deinen Kuss
Du nimmst mich fest in Deinen Arm,
dass ich nicht frieren muss

O lass mich nur das Flüstern sein
das ich legt’ auf das Blatt:
"Ich liebe Dich, nur Dich allein
und werd an Dir nicht satt!"

Anmerkung zur Lizenz: Dieses Gedicht erschien 2006 in der "Campus Artifex" Ausgabe 06/06, Verlag PaperOne, Titel "Und es leuchtet doch...". Da der Verlag die Ausgabe wieder aus dem Programm genommen hat (Restbestände sind über mich erhältlich), stelle ich sie hiermit unter die Creative Commons BY-NC-SA.
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Rosenblatt von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Samstag, 13. April 2013

Ewigkeit

Ungereimte Gedichte wirken auf den ersten Blick einfacher, sind aber ungleich schwerer zu schreiben als Gedichte in fester Vers- und Reimform. Der Dichter hat nichts, woran er sich beim Schreiben "festhalten" kann, kein Schema, dem er wirklich folgen muss. So muss er sich komplett auf sein Gefühl verlassen, wenn er seine Gedanken niederschreibt. Dabei muss jedes Wort und jede Formulierung perfekt sitzen, weil das Ergebnis sonst einfach nur plump wirkt. Oder wie ich es einmal (so ungefähr) angesichts eines politischen Gedichts von *dem* Günter Grass formulierte:

Untereinander
geschriebene Worte
irgendwie
in Versform verpackt
wirken nicht zwangsläufig
intelligenter
und bilden noch lange kein
Gedicht.

Man kann sagen: Wenn ich unbedingt etwas dichten will, aber gerade an Inspirationsmangel leide, reime ich. Wenn ich gerade von der Muse geküsst wurde, geht es auch ohne Reimschema. Das folgende Gedicht ist ein ganz frisches Beispiel für Letzteres.

Ewigkeit

Irgendwo
über dem Regenbogen
verglühen Sterne nicht umsonst
Sternenstaubpartikel tanzen
in den Strahlen fremder Sonnen
Finden einander,
vereinen sich
und bilden Wesen,
die sich wundern
wie sie entstanden sind

Auch in dir, mein Kind,
leben Sterne weiter
Wir sind aus Sternenstaub gemacht
Im Wissen dieses unfassbaren Glücks
sind Endlichkeit und Zeit bedeutungslos
Nach Myriaden Jahren
schauen wir hinaus ins All
und staunen

Nimm meine Hand, ich leite dich
ein Stück, bis du den Weg erkennst
und schütze dich, solang ich es vermag
Dann flieg ich weiter durch das All
und ziehe meine Bahnen immer nah bei dir
Glaube nie, du bist allein
Denn Sternenstaubpartikel
tanzen immer weiter
in die Ewigkeit



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Ewigkeit von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Das Bild "Sternenherz" steht unter CC BY-SA 2.0 - Lizenz, da es unter Verwendung von folgendem Bild aus Wikimedia Commons erstellt wurde:
http://commons.wikimedia.org/wiki/File%3AM45_-_Pleiades.jpg

Dienstag, 22. Januar 2013

tränenwert

Figurengedichte oder auch Kalligramme sind eine ideale Aufwärmübung für jeden Dichter.
Sie erfordern nur ein geringes Maß an Kreativität und können später wunderbar als dekorative Elemente in anderen literarischen Werken verwendet werden.

Hier ein simples Beispiel. Der Satz an sich ist nicht sonderlich spektakulär, bekommt aber dadurch, dass er in eine passende Form gegossen wurde, wesentlich mehr Ausdruck.

Mein Tipp: Einfach mal selbst probieren!

tränenwert

k
ei
netr
äned
ieserwe
lthatesver
dientsichihr
erzuschä
men

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tränenwert von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Mittwoch, 2. Januar 2013

Niemalsland

Dieses kleine Gedicht widme ich einer sehr wichtigen Person in meinem Leben. Diese Person wird noch ein wenig warten müssen, bis ich es ihr vorlesen kann. Bis dieses Wesen in der Lage ist, es zu verstehen, wird es vermutlich selbst schon vergessen haben, wie es dort war - im Niemalsland.

Niemalsland

Noch nie sah ich dein Angesicht
Dein Aug' sah nie die Sonne
Du ruhst in schwachem Dämmerlicht
Und kennst nur Klang und Wonne

In deiner Welt ist keine Zeit
kein Raum und kein Verlangen
Ein bloßes Sein in Ewigkeit
von Wärme nur umfangen

Sag, spürst du die Nähe meiner Hand
dort draußen in der Ferne?
Ich kenn's nicht mehr, dein Niemalsland
und wüsst' es doch so gerne

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Niemalsland von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung - Nicht-kommerziell - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Montag, 10. September 2012

Wenn die Sonne scheint

Heute Morgen lieferte ein befreundeter Blogger und Kollege unter dem Titel Das Lied meines Lebens einen beeindruckenden "Seelenstriptease" ab. Dabei geht es auch und vor allem um das Thema "ungesagte Worte". Ich denke, dass kaum jemand unter uns keine verstorbenen Verwandten hat, denen er gern noch etwas gesagt hätte, bevor sie gingen. Auch mir geht es so, und ich habe meine Emotionen dazu in einige meiner Gedichte einfließen lassen. Die folgenden Zeilen schrieb ich im November 2005, und es lässt sich nicht verheimlichen, dass mich das Lied "Nur zu Besuch" von den "Toten Hosen" dazu inspirierte. Ich habe heute noch einen Kloß im Hals und wässrige Augen, wenn ich es auch nur durchlese. Ermutigt durch Hennings Beitrag, möchte ich dieses Gedicht gern teilen.

Gewidmet ist es meinem Vater.

Wenn die Sonne scheint

Wenn die Sonne scheint
lässt sie dein Lächeln wieder leuchten
und der Winter ist
nur eine Jahreszeit

Wenn die Sonne scheint
denk’ ich an Sommersonnentage
die endlos waren, frei und ungetrübt
da ich mit Worten
viel zu sparsam war

Wenn die Sonne scheint
blickt sie mit deinen weisen Augen
und jeder Sonnenstrahl
fährt über meine Lider
wie die Finger deiner Hand

Kann nicht reden
denn du fehlst mir
Doch ich kann lächeln
wenn die Sonne scheint
so friedlich auf dein Grab

© by Stefan Reichelt

Anmerkung zum Copyright: Entgegen meiner Gewohnheit, alle Texte unter CC-Lizenz zu stellen, möchte ich bei diesem Werk etwas mehr Kontrolle darüber behalten, wo es auftaucht. Deshalb ist es bitte nur nach Genehmigung meinerseits zu verwenden.

Samstag, 2. Juni 2012

Blickgeflüster

Zwar bin ich nicht mehr wirklich als aktiver Literat zu bezeichnen, habe die Freude an kunstvollen Formulierungen aber nie verloren. Zumindest sind meine Fähigkeiten nicht so weit eingerostet, dass ich meiner Frau nicht durch ein kleines Liebesgedicht (ohnehin mein Lieblingsthema im Bereich der Lyrik) meine Zuneigung zeigen könnte.
Gern teile ich mein neuestes Werk mit interessierten Lesern, natürlich wieder unter Creative Commons-Lizenz.

Blickgeflüster

Wo du bist, da ist auch Licht.
Mit dir, mein Feuerquell,
ist Dunkelheit kein Schreckenshort.
In deinen Armen find' ich Ruh'
und Freude auf den nächsten Morgen.

Wo du bist, lockt die Weite
sanfter Täler voll der Wonne,
durch die der Fluss des Lebens rinnt.
Und der Satyr, vom Rausch ermattet,
auf weißen Kissen selig träumt.

Wo du bist, ist auch die Nacht.
Ihr zart gewebter Sternenmantel
verbirgt, was einzig
unsre Augen haben sollen.
Und nur mit nachtdurchwirkten Blicken
kann ich wahrhaft sagen,
wie ich dich seh'.

Creative Commons Lizenzvertrag
Blickgeflüster von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Sonntag, 4. Dezember 2011

Ein Weihnachtswunder

Ja, ich habe auch Weihnachtsgeschichten auf Lager. Und wer naive Kunst nicht mag, sollte hier nicht weiter lesen.
Diese Geschichte entstand wie so viele andere in der Straßenbahn. Es war im Jahr 2006, zu Beginn der Weihnachtszeit. Zufällig saß etwas weiter vorn im Waggon ein ärmlich gekleideter, zerzauster Mann mit einer großen Einkaufstüte. Er wirkte unendlich müde und sank immer wieder in sich zusammen. Als ihm der Kopf auf die Brust fiel, entglitt die Einkaufstüte seinem Griff, und ein grauer Teddybär kullerte heraus auf den nassen, schmutzigen Boden. Er nahm ihn erschrocken wieder an sich, säuberte ihn liebevoll und packte ihn wieder ein. Dieser Moment trieb mir die Tränen in die Augen, und die Geschichte entstand wie von selbst. Ich musste mir das einfach von der Seele schreiben.

Ein Weihnachtswunder

Kennst du den bunten Weihnachtstrubel in der Großstadt? Ich denke, dass jeder ihn einmal erlebt haben sollte. Überall blinken bunte Lichter, ein großer und reich geschmückter Weihnachtsbaum steht auf dem Marktplatz und die Luft ist geschwängert vom Duft vieler Süßigkeiten. Aus jeder Gasse tönt Weihnachtsmusik, die von Kindern oder Straßenmusikern gespielt wird. Alle Leute schauen fröhlich drein. Nein, nur fast alle. Einige Menschen scheinen selbst an diesen glücklichen Feiertagen von schweren Sorgen geplagt zu sein. Ihre Kleider sind schmutzig und zerschlissen. Auf Ihren Knien betteln sie mit beschämtem Blick um etwas Geld oder Essen. Und oft bekommen sie auch etwas, denn zu Weihnachten sind viele Leute etwas freigiebiger als sonst. Aber manchmal genügt das einfach nicht. Manchmal ist es einfach zu kalt, um auf vereisten Parkbänken zu schlafen, und der Kuss des Morpheus wird zum letzten, den sie je verspüren werden. Von einem dieser Menschen möchte ich berichten.

Er war Vater von drei Kindern, einem dreijährigen Jungen – Felix, sein Jüngster – und zwei niedlichen Mädchen im Alter von acht und zehn Jahren. Nur zu Weihnachten durfte er sie sehen. Deshalb war es die einzige Zeit im Jahr, da er fühlte, am Leben zu sein.
Es war nicht seine Schuld, dass er einen Job nach dem anderen verlor, wirklich nicht. Aber seiner Frau war das völlig egal. Er brauchte viel Zeit, sich davon zu erholen, als sie ihn deswegen einfach vor die Tür setzte. Sie hielt ihm vor, ein Versager zu sein, und einen Versager duldete sie nicht als Vater ihrer Kinder. Schweren Herzens nahm er Abschied von ihnen. Irgendwie hatte sie vielleicht Recht. Vielleicht war er wirklich daran schuld, dass er einfach keine Arbeit fand. „Wirtschaftliche Gründe“ klangen für ihn ohnehin immer wie eine Ausrede. Er wusste nicht viel über Wirtschaft. Und dieses Thema war für jemanden, der sich nur noch darum kümmerte, ob er genug Kleingeld für eine Kleinigkeit zu essen zusammen bekam, wirklich nicht wichtig.
Was er wusste, war, dass sein Leben keinen richtigen Sinn mehr hatte. Es gab nur noch einen Grund, überhaupt am Leben zu bleiben: Das Lächeln auf dem Gesicht seines Sohnes - einmal im Jahr, wenn er ihn sehen durfte.
Es war wieder Weihnachten. Das ganze Jahr hindurch hatte er immer wieder ein wenig Geld beiseite gelegt, um ein kleines Geschenk kaufen zu können. Es war nicht einfach, überhaupt ein Geschäft zu finden, aus dem er nicht hinausgeworfen wurde, bevor er auch nur einen kurzen Blick hinein werfen konnte.
Aber dann fand er einen kleinen Spielzeugladen mit einem wundervoll geschmückten Schaufenster. Lange stand er unschlüssig davor. Doch dann öffnete sich die Tür und eine ältere Frau lächelte ihn gutmütig an.
„Kommen Sie doch herein, bei der Kälte!“, sagte sie und machte eine einladende Geste. Ermutigt betrat er den gemütlich warmen Laden und sah sich um.
„Was suchen Sie denn?“, fragte sie höflich und reichte ihm eine Tasse heißen Tee.
„Etwas für meinen Felix. Er ist drei Jahre alt“, antwortete er leise, während er begierig schlürfte und seine kalten Hände aufwärmte. Seine Augen schienen sich ein wenig aufzuhellen, als er den Namen seines Sohnes aussprach.
„Vielleicht ein kleines Plüschtier?“, fragte die alte Verkäuferin, „Darüber freuen sich kleine Kinder immer. Ich hätte da einen ganz besonderen Teddybären für einen ganz besonderen Jungen. Auch für den kleinen Geldbeutel geeignet“
Mit diesen Worten reichte sie ihm einen weichen Teddy mit schwarzen Augen. Genau das richtige für Felix, das spürte er einfach.
Irgendwann musste er den warmen Laden wieder verlassen. Das wenige Geld, das er mitgebracht hatte, hatte wie durch ein Wunder gereicht.
„Passt genau“, hatte die alte Frau mit einem verschmitzten Blick zu ihm gesagt und ihn zur Tür begleitet. Sie winkte ihm sogar noch nach, als er sich auf den langen Weg durchs Schneegestöber bis zur Straßenbahnhaltestelle machte.
Als er einstieg, starrten ihn viele Leute an. Aber das ignorierte er, wie immer. Behutsam nahm er den schmutzigen Beutel, der all sein Hab und Gut enthielt, auf den Schoß und hielt ihn gut fest. Ein leichtes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, als er ab und zu einen Blick hinein warf und das kleine Plüschtier betrachtete.
Immer wieder übermannte ihn die Müdigkeit. Die wärmende Wirkung des Tees ließ schnell nach, und er fror sogar in der beheizten Straßenbahn. Mehrmals entglitt der Beutel seinem schwachen Griff, und der Teddy fiel auf den nassen, dreckigen Boden. Aber jedes Mal hob er das Geschenk behutsam wieder auf, so zärtlich als sei es sein Sohn selbst. Er wischte sorgfältig den Dreck aus dem Fell und steckte ihn wieder ein.
Nach einigen Haltestellen verließ er die Bahn und verschwand in der kalten, eisigen Dunkelheit. Er spürte die Kälte und den Hunger schlimmer denn je, und sein letztes Geld hatte er für ein Weihnachtsgeschenk ausgegeben.
Zurück in den Straßen der Innenstadt, fragte er einige Leute nach Zigaretten, um seine klammen Finger aufzuwärmen, oder etwas Geld, um sich Essen kaufen zu können.
Obwohl er von einem gnädig schauenden Studenten eine lauwarme, angebissene Bratwurst geschenkt bekam, wurde die Kälte immer unerträglicher.
Er begann zu zittern, und jede Schneeflocke in der Luft schien den kürzesten Weg in seine brennenden Augen zu suchen.
Als er sich setzte, begann der Schnee, ihn über und über zu bedecken. Aber er war zu schwach, ihn wegzuwischen. Seine Kraft reichte nur noch aus, um den kleinen Teddy aus dem Beutel zu holen und fest zu umarmen. Dann fühlte er eine unendliche Müdigkeit…

Der Schneesturm war vorbei. Kleine Schneewehen hatten sich am Wegesrand abgelagert. Ein kleiner Junge, ungefähr drei Jahre alt, schlenderte mit seiner Mutter die Straße entlang. Freudig jubelte er auf, als er auf einem großen Schneehaufen einen niedlichen Teddybären fand. Er hatte schwarze Knopfaugen und ein kuschelweiches Fell. Und er sah aus, als sei er geradewegs für ihn gemacht.
„Du bist ein Glückspilz. Ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk!“, lachte seine Mutter, und sie zogen beide weiter.
Was sie nicht sahen – und das war sicher besser so – war der arme Mann, der unter seiner Bettdecke aus Schnee in ewigen Schlaf versunken war. Seine rechte Hand war weit nach oben ausgestreckt, damit ein besonders wertvolles Geschenk nicht unter den Schneemassen begraben wurde. Felix sah seinen Vater nie wieder. Aber der Teddy wurde fortan sein bester Freund.

Glaubst du an Weihnachtswunder?

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Ein Weihnachtswunder von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Samstag, 29. Oktober 2011

Die Mär vom kleinen Vampyr

Eines vorweg: Ich mag Halloween nicht. Ich halte es für eine lächerliche Parodie alter Bräuche, kommerziell verwertet. Aber das folgende Gedicht schrieb ich auch nicht zu einem solchen Anlass. Deshalb muss ich mich auch nicht an den genauen Termin halten, es war nur das in den Medien verstärkt auftretende Motiv, das mich an dieses Werk erinnerte.

Es ist unglaublich gruselig, und ich empfehle einen Beruhigungstee mit Baldrian, um diese schockierende Geschichte verarbeiten zu können.

Die Mär vom kleinen Vampyr

Es war einmal ein altes Schloss
mit einem dunklen Wald davor
Und ängstlich scheute jedes Ross,
das schnupperte am Gittertor

Gar weise war der Pferde Scheu,
denn drinnen haust’ zu aller Schrecken
Vampyrfamilie Nebeltreu,
um vor der Sonn’ sich zu verstecken

Der Stammbaum reichte weit zurück
bis hin zum alten Dracula
Schon lange hielt das Liebesglück
und auch ein Kindelein war da

Doch ging’s dem Sohne gar nicht gut;
der Eltern Nerven lagen blank:
Das Kind trank keinen Tropfen Blut
Drum wirkte es recht schwach und krank

Es blieben heil der Opfer Kehlen,
denn Vampyr Junior biss nicht zu
Es schien an Mitleid nicht zu fehlen
mit Mensch und Katze, Schaf und Kuh

Doch dann beim mitternächtlich’ Spiel
noch eh’ die Eltern sich’s versah’n
aus heit’rem Kindermunde fiel
ein kleiner, weißer Kinderzahn

Der Vater eilte rasch herbei,
der Junior biss ihm in die Hand
und auf des Vaters Freudenschrei
kam auch die Mutter angerannt

Von nun an trank mit großer Wonne
das Kind das Blut der Nachbarsleut’
Und blieb es immer fern der Sonne,
so beißt’s durch’s Leben sich bis heut’

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Die Mär vom kleinen Vampyr von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Montag, 10. Oktober 2011

Der Greis

Kürzlich ist mir schlagartig klar geworden, dass ich mich noch nie an einem Herbstgedicht versucht habe. Sicher liegt das daran, dass ich dieser Jahreszeit für gewöhnlich kaum Sympathie entgegen bringe - ich bin eher ein Frühlingsmensch.
Ich nutzte deshalb meinen bevorzugten Arbeitsplatz, die Straßenbahn, um das Versäumnis nachzuholen. Dabei entstand das folgende Werk. Das Reimschema (abaccb) habe ich meines Wissens auch noch nie verwendet. Es gefiel mir aber irgendwie gerade.
Übrigens habe ich das Gedicht aufgrund der ungewohnten Thematik zunächst auf Lyrikecke.de erprobt und verfeinert. Ich kann diese Community sehr empfehlen, bin seit vielen Jahren Mitglied.


Der Greis

Weiße Haare schweben
und welk wird manches Blatt.
Es werden schwer die Reben.
Ein hager Greis kleidet sich an,
kämmt seine Mähne, lächelt dann,
weil er's nicht eilig hat.

Schwarze Vögel hocken
auf Feldern wüst und rau.
Am Rande Äpfel locken
als Frühstück für den Alten,
und aus den tiefen Falten
reibt er sich Nebeltau.

Die Zweige glitzern eisig
wie schon im Jahr zuvor.
Es raschelt unterm Reisig.
Der Alte streckt die Glieder,
geht alle Jahre wieder
zu seines Hofes Tor.

Die Erde wird von Schnee bedeckt,
ihr Blut fließt unterm Eise.
Sie schläft nun, bis man sie einst weckt.
Gevatter Frost nimmt seinen Stock,
er schließt den weißen Wanderrock
und macht sich auf die Reise.

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Der Greis von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Donnerstag, 6. Oktober 2011

Wie der lösliche Zitronentee zu den Menschen kam

Beim Durchwühlen meines digitalen Archives ist mir das folgende Kuriosum in die Hände gefallen. Ich hatte selbst völlig vergessen, dass ich so etwas je verbrochen habe. Leider kann ich mich kaum noch erinnern, warum ich es schrieb, vermutlich war es eine Art Nonsense-Schreibwettbewerb zu einem vollkommen zufälligen Thema. Ich konnte nur ermitteln, dass ich es im Juli 2006 geschrieben haben muss.
Es ist albern und hat kaum einen literarischen Wert, aber trotzdem musste ich ein wenig schmunzeln. Ich möchte es meiner Leserschaft nicht vorenthalten.


Wie der lösliche Zitronentee zu den Menschen kam

Und es ergab sich dereinst zu grauen Zeiten,
dass ein furchtbares Handelsembargo
das gelobte Land heimsuchte
Und die Völker des Herrn verzagten.
„Die Kinder dursten, O Herr!
Und niemand will reines Wasser
aus der Leitung trinken, denn es schmeckt nur
nach Chlor und enthält kein Vitamin C!“
So klagten sie gen Himmel.
Da erschien ein Bote auf dem Berge
Aldimarktum. Und er trug weiße Gewänder
und war gar fürstlich anzusehn.
In seinen Händen hielt er ein gar wunderliches
Gefäß mit gelbem Schraubdeckel.
„So bringet mir Wasser, im Namen des Herrn!“,
sprach Gottes Bote mit mächtiger Stimme vom Berge.
Und das Volk brachte ihm Wasser aus dem Brunnen.

Und ein Wunder geschah auf dem Berge Aldimarktum,
denn die segnenden Hände des Engels
huben aus der Büchse mit dem gelben Schraubdeckel
ein Granulat, das das Wasser färbte.
„Trinkt, meine Kinder!“, befahl da der Engel.
Und die Menschen tranken. Es schmeckte
nach chemischen Geschmacksstoffen und Zucker.
Und der Engel verkaufte sehr preiswert viele
weitere Büchsen an das Volk Gottes.
Und die Menschen fanden, dass es gut war,
denn das Granulat war ergiebig und sorgte
für wenig Geld dafür, dass das Wasser einen anderen
Geschmack bekam.

„Was ist das, oh Strahlender?“,
frugen die Menschen den Boten voll Demut.
„Das ist löslicher Zitronentee, das schmeckt man doch!“,
sprach da der Engel und erhob sich wieder gen Himmel.
Und fortan hieß das wunderliche Granulat
„löslicher Zitronentee“.
Und die Menschen priesen Gott den Herrn, denn
er hatte sie in seiner Gnade vor dem Verdursten bewahrt.
Und er hatte Kreativität bewiesen, denn er
sah von der weniger originellen Lösung ab,
einfach das Wasser schmackhafter zu machen…

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Sonntag, 2. Oktober 2011

Fingerzeig

Beim ersten Gedicht, das ich in diesem Monat dem Archiv hinzu füge, handelt es sich erneut um Liebeslyrik. Geschrieben habe ich es im Juni 2006, veröffentlicht wurde es bisher noch nicht.


Fingerzeig

Lass’ deine zarte Hand ein wenig noch
auf meiner Wange wärmend ruh’n
Kein Seidentuch, und sei es golddurchwirkt,
vermag den Regen meiner Seele
edler aufzuhalten
Wie sonnig wird’s um mein Gemüt,
wenn meine Nasenspitze deinen Finger grüßt
Und meine Wolken schiebst beiseite du
ie eine Daunenfeder ohne Müh’

Mein Blumenduft, mein Morgentau,
du bist der Wind, der meinen Himmel klärt
Und gleich Persephone erweckst
den Frühling du in meinem Herzen

Ich liebe deine Hand,
die mich erhebt und hält
Nimm sie nicht fort von mir
- nie wieder…

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Fingerzeig von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Freitag, 30. September 2011

Für Tabea

Ab und zu neige ich wirklich zu kitschigen Anfällen. Die Geburt eines Kindes im engsten Freundeskreis halte ich aber für eine gerechtfertigte Ausnahme. Als im Mai 2007 ebensolcher Ausnahmefall eintrat, schrieb ich das folgende Gedicht, kurz bevor das Kind zur Welt kam. Ich war gerade fertig, als ich erfuhr, dass ich als Besucher mal kurz vorbei schauen dürfe. Ich druckte das Gedicht aus und las es der glücklichen Mama - und natürlich dem Baby - noch am Bett vor. Daher kann ich wahrlich behaupten, Tabea das erste Gedicht ihres Lebens vorgelesen zu haben. Die Kombination aus Bild und Gedicht entstand kurz darauf, GIMP sei Dank.


© by Stefan Reichelt, alle Rechte vorbehalten.

Donnerstag, 29. September 2011

Dichterschwur

Als Dichter verfolgt man in der Regel ein bestimmtes Ziel. Manche Ziele sind egoistischer Natur, manche gar politisch. Ein Gedicht transportiert Meinungen und Emotionen und manchmal weiß der Poet selbst nicht, was er mit seinen Worten unbewusst von sich preis gibt. Eine starke Triebfeder und Inspirationsquelle ist die Unzufriedenheit. Vielleicht steht der Schreiberling gerade im Regen an einer roten Ampel, als ihm die Idee zu einem Gedicht über eine einsame, sommerliche Blumenwiese in den Sinn kommt. Vielleicht sitzt er aber auch auf ebensolcher Blumenwiese und wünscht sich, nicht allein dort zu sitzen, was ihn zu einem Liebesgedicht inspiriert.
Beide Gedichte werden das Streben nach einem harmonischen, stressfreien, glücklichen Dasein mit sich tragen.

Auch mein Schaffen ist von der Sehnsucht nach einem friedlichen Miteinander geprägt. Nicht umsonst ist Hans Christian Andersen eines meiner literarischen Vorbilder. Ich denke, dass es uns Erwachsenen gut tut, ab und zu die Welt aus einer (früh-)kindlichen Perspektive zu sehen. Ein Marienkäfer, der einen Baum hinauf krabbelt, kann (und sollte) wesentlich mehr Freude bereiten, als der aktuelle Kontostand. Der Respekt vor scheinbar unwichtigen Details - und die wertfreie Neugier darauf - hilft uns, fremde Sichtweisen zu verstehen und mit der Erkenntnis umzugehen, dass das Unbekannte, Unerwartete auch völlig neue Denkansätze liefern kann und nicht zwangsläufig eine Gefahr darstellt. Genau diese Erkenntnis ist eine Grundlage für ein funktionierendes soziales Umfeld, im Großen wie im Kleinen.
2005 fasste ich dieses Arbeitsmotto wie folgt zusammen:


Dichterschwur

wenn auch nur ein Vogel heller singt
und nur eine Träne des Schmerzes
einer Träne der Erleichterung weicht
wenn auch nur eine Hand, zum Schlag erhoben,
nieder sinkt und tröstend streichelt
wenn auch nur ein längst tot geglaubtes Herz
neu entflammt und innig liebt

dann hab ich nicht umsonst geschrieben
und nicht umsonst gelebt
dann bin ich schon zufrieden

doch schreibend wirken werde ich,
bis dass der Tod mir reißt die Feder aus der Hand
dies sei mein heil’ger Eid.

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Dichterschwur von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Mittwoch, 28. September 2011

stille Träume

Einfach mal innehalten und träumen - die Gelegenheiten dazu werden immer seltener, bis wir schließlich kalte, abgestumpfte, verbitterte Materialisten sind. Dabei ist es doch so wichtig, geistigen Urlaub vom Alltag nehmen zu können.


stille Träume

Wie oft bist du eingetaucht
tagträumend ins weite Sternenmeer?
Wann fand der letzte Blumenduft
den Weg in deine Nase?
Wann hast du zum letzten Mal
den blauen Himmel stumm betrachtet
und blicktest tausend Wunder?
Kannst du noch träumen, sinnen, denken?

Dann träum, soweit dich deine Träume tragen!
Flieg, wohin dich bringt die Fantasie!
Und wenn du kehrst zurück von deinen Reisen,
dann halt die Augenblicke fest
Mach, dass die Menschen sinnend schweigen
und schenke jedem einen Traum

Der Wert der Stille zeigt sich erst
im lauten, bunten Tosen
einer lauten, bunten Welt
Um alles Sinnen, Denken, Fantasieren
zu ertränken
genügt ein
winziger
Tropfen
Lärm

Anmerkung zur Lizenz: Dieses Gedicht erschien 2006 in der "Campus Artifex" Ausgabe 06/06, Verlag PaperOne, Titel "Und es leuchtet doch...". Da der Verlag die Ausgabe wieder aus dem Programm genommen hat (Restbestände sind über mich erhältlich), stelle ich sie hiermit unter die Creative Commons BY-NC-SA.
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stille Träume von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Dienstag, 27. September 2011

Keine Antwort

Heute mal wieder ein etwas neueres Werk (2007), das noch nirgendwo in gedruckter Form veröffentlicht wurde. Es ist ein wenig im Wilhelm-Busch-Stil geschrieben, den ich persönlich sehr mag.

Keine Antwort

"O Dichter - sag mir was ist Liebe?"
frug mich ein Freund in höchster Not.
"Ist´s nur ein Irrlicht meiner Triebe?
Sind´s Küsse heiß im Abendrot?"

"Liebe ist nicht: Zu ertragen
was des Andern Fehler sind
Liebe ist kein Spiel der Fragen,
Liebe macht nur anfangs blind

Liebe kannst du nicht beschießen
Flüchtig ist sie wie ein Gas
Durch die Finger kann sie fließen
und sie bricht so leicht wie Glas"

"Teurer, lass die üblen Scherze",
sprach der Freund in hellem Zorn.
"Ist´s im Dunkeln eine Kerze,
ist´s des Lebens Samenkorn?"

"Bester", sprach ich, "an der Liebe
brach manch' Federkiel entzwei
glaubst du, dass ich drüber schriebe
wenn ich wüsste, was es sei?"

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Keine Anwort von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Montag, 26. September 2011

Einsamkeit?

Einer meiner persönlichen Favoriten: Diese Zeilen beschreiben, wie schwierig und deprimierend es ist, jemandem Trost zu spenden, der keine Hilfe annehmen kann.

Einsamkeit?

Gestern sah ich dich im Traum
Du lagst allein auf deinem Bett
Und deine Lippen formten
einen Wunsch:
Ein Wind möge kommen
und dich trösten
Er soll dich tragen
in ferne Welten,
weg von den Sorgen

Durch das geöffnete Fenster
wehte nur ein leichter Hauch
Er strich über deine Wange
und deine Tränen trockneten
Doch du weintest neue.
Der kleine Wind
fuhr über deinen Arm
erzeugte eine lustige Gänsehaut
damit du wieder lachst
Und du decktest dich zu.
Er pustete sanft in deine Augen
Damit du müde wirst
und im Schlaf Ruhe findest.
Doch du drehtest dich
einfach auf die Seite
Die Luft
streichelte sanft deine Wange
um dich zu trösten
Doch du klagtest nur,
über Einsamkeit

Und auf dem Fensterbrett
Saß ein kleiner Lufthauch
und weinte.

Anmerkung zur Lizenz: Dieses Gedicht erschien 2006 in der "Campus Artifex" Ausgabe 06/06, Verlag PaperOne, Titel "Und es leuchtet doch...". Da der Verlag die Ausgabe wieder aus dem Programm genommen hat (Restbestände sind über mich erhältlich), stelle ich sie hiermit unter die Creative Commons BY-NC-SA.
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Einsamkeit von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Sonntag, 25. September 2011

Warten auf die Liebste

Zum Sonntag ein klassisches Liebesgedicht. Es orientiert sich stark an traditionellen romantischen Motiven. Dennoch kann die erwähnte Liebste bestätigen, dass es eine wahre Begebenheit nacherzählt. :)

Warten auf die Liebste

Ich blickt’ von einer Brücke klein
voll Wehmut in die Nacht
Im Wasser tanzte Mondenschein
Ein Windhauch küsst’ mich sacht

Es ward mir ach das Herz so schwer
Der Augenblick zur Stund’
Ich hatt’ schon keine Hoffnung mehr
Zu küssen ihren Mund

Und wie ich auf der Brücke stand
im hellen Mondenlicht
berührte eine zarte Hand
liebkosend mein Gesicht

Und unsre Lippen trafen sich
So endet die Geschicht:
Mit Worten wie „Ich liebe dich!“.
Und mehr erzähl’ ich nicht

Anmerkung zur Lizenz: Dieses Gedicht erschien 2006 in der "Campus Artifex" Ausgabe 06/06, Verlag PaperOne, Titel "Und es leuchtet doch...". Da der Verlag die Ausgabe wieder aus dem Programm genommen hat (Restbestände sind über mich erhältlich), stelle ich sie hiermit unter die Creative Commons BY-NC-SA.
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Warten auf die Liebste von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Freitag, 23. September 2011

Vor dem Sturm

Dieses Gedicht schrieb ich ebenfalls im äußerst produktiven Jahr 2005. Es ist eine Mahnung, offen mit den eigenen Gefühlen umzugehen.

Vor dem Sturm

ein kühler Hauch streicht über Gräser
die Sonne schwindet,
düstre Wolken
bringen die Natur zum Schweigen
auch du schweigst
immer tiefer dein Atmen
den stärker werdenden Wind
versuchst du aufzusaugen
weil du hoffst,
dem Sturm die Kraft zu nehmen
wenn er losbricht
das leise Grollen ignorierst du
prickelnde Wassertropfen
wischst du angewidert weg
es wird schon keinen Regen geben
die Bäume erzittern
auch du zitterst
mehr und mehr Wind
nimmst du in dich auf
die edle Ruhe,
die du ausstrahlst
ist Feigheit unter
arroganter Maske
und du stellst dich trotzig auf
willst bremsen jeden Sturm
weil du dich fürchtest
und du weißt
dass er sich in dir sammelt
bis zum Bersten bist du gefüllt
was willst du tun,
wenn das Gewitter kommt?

Anmerkung zur Lizenz: Dieses Gedicht erschien 2006 in der "Campus Artifex" Ausgabe 06/06, Verlag PaperOne, Titel "Und es leuchtet doch...". Da der Verlag die Ausgabe wieder aus dem Programm genommen hat (Restbestände sind über mich erhältlich), stelle ich sie hiermit unter die Creative Commons BY-NC-SA.
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Vor dem Sturm von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.