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Sonntag, 4. Dezember 2011

Ein Weihnachtswunder

Ja, ich habe auch Weihnachtsgeschichten auf Lager. Und wer naive Kunst nicht mag, sollte hier nicht weiter lesen.
Diese Geschichte entstand wie so viele andere in der Straßenbahn. Es war im Jahr 2006, zu Beginn der Weihnachtszeit. Zufällig saß etwas weiter vorn im Waggon ein ärmlich gekleideter, zerzauster Mann mit einer großen Einkaufstüte. Er wirkte unendlich müde und sank immer wieder in sich zusammen. Als ihm der Kopf auf die Brust fiel, entglitt die Einkaufstüte seinem Griff, und ein grauer Teddybär kullerte heraus auf den nassen, schmutzigen Boden. Er nahm ihn erschrocken wieder an sich, säuberte ihn liebevoll und packte ihn wieder ein. Dieser Moment trieb mir die Tränen in die Augen, und die Geschichte entstand wie von selbst. Ich musste mir das einfach von der Seele schreiben.

Ein Weihnachtswunder

Kennst du den bunten Weihnachtstrubel in der Großstadt? Ich denke, dass jeder ihn einmal erlebt haben sollte. Überall blinken bunte Lichter, ein großer und reich geschmückter Weihnachtsbaum steht auf dem Marktplatz und die Luft ist geschwängert vom Duft vieler Süßigkeiten. Aus jeder Gasse tönt Weihnachtsmusik, die von Kindern oder Straßenmusikern gespielt wird. Alle Leute schauen fröhlich drein. Nein, nur fast alle. Einige Menschen scheinen selbst an diesen glücklichen Feiertagen von schweren Sorgen geplagt zu sein. Ihre Kleider sind schmutzig und zerschlissen. Auf Ihren Knien betteln sie mit beschämtem Blick um etwas Geld oder Essen. Und oft bekommen sie auch etwas, denn zu Weihnachten sind viele Leute etwas freigiebiger als sonst. Aber manchmal genügt das einfach nicht. Manchmal ist es einfach zu kalt, um auf vereisten Parkbänken zu schlafen, und der Kuss des Morpheus wird zum letzten, den sie je verspüren werden. Von einem dieser Menschen möchte ich berichten.

Er war Vater von drei Kindern, einem dreijährigen Jungen – Felix, sein Jüngster – und zwei niedlichen Mädchen im Alter von acht und zehn Jahren. Nur zu Weihnachten durfte er sie sehen. Deshalb war es die einzige Zeit im Jahr, da er fühlte, am Leben zu sein.
Es war nicht seine Schuld, dass er einen Job nach dem anderen verlor, wirklich nicht. Aber seiner Frau war das völlig egal. Er brauchte viel Zeit, sich davon zu erholen, als sie ihn deswegen einfach vor die Tür setzte. Sie hielt ihm vor, ein Versager zu sein, und einen Versager duldete sie nicht als Vater ihrer Kinder. Schweren Herzens nahm er Abschied von ihnen. Irgendwie hatte sie vielleicht Recht. Vielleicht war er wirklich daran schuld, dass er einfach keine Arbeit fand. „Wirtschaftliche Gründe“ klangen für ihn ohnehin immer wie eine Ausrede. Er wusste nicht viel über Wirtschaft. Und dieses Thema war für jemanden, der sich nur noch darum kümmerte, ob er genug Kleingeld für eine Kleinigkeit zu essen zusammen bekam, wirklich nicht wichtig.
Was er wusste, war, dass sein Leben keinen richtigen Sinn mehr hatte. Es gab nur noch einen Grund, überhaupt am Leben zu bleiben: Das Lächeln auf dem Gesicht seines Sohnes - einmal im Jahr, wenn er ihn sehen durfte.
Es war wieder Weihnachten. Das ganze Jahr hindurch hatte er immer wieder ein wenig Geld beiseite gelegt, um ein kleines Geschenk kaufen zu können. Es war nicht einfach, überhaupt ein Geschäft zu finden, aus dem er nicht hinausgeworfen wurde, bevor er auch nur einen kurzen Blick hinein werfen konnte.
Aber dann fand er einen kleinen Spielzeugladen mit einem wundervoll geschmückten Schaufenster. Lange stand er unschlüssig davor. Doch dann öffnete sich die Tür und eine ältere Frau lächelte ihn gutmütig an.
„Kommen Sie doch herein, bei der Kälte!“, sagte sie und machte eine einladende Geste. Ermutigt betrat er den gemütlich warmen Laden und sah sich um.
„Was suchen Sie denn?“, fragte sie höflich und reichte ihm eine Tasse heißen Tee.
„Etwas für meinen Felix. Er ist drei Jahre alt“, antwortete er leise, während er begierig schlürfte und seine kalten Hände aufwärmte. Seine Augen schienen sich ein wenig aufzuhellen, als er den Namen seines Sohnes aussprach.
„Vielleicht ein kleines Plüschtier?“, fragte die alte Verkäuferin, „Darüber freuen sich kleine Kinder immer. Ich hätte da einen ganz besonderen Teddybären für einen ganz besonderen Jungen. Auch für den kleinen Geldbeutel geeignet“
Mit diesen Worten reichte sie ihm einen weichen Teddy mit schwarzen Augen. Genau das richtige für Felix, das spürte er einfach.
Irgendwann musste er den warmen Laden wieder verlassen. Das wenige Geld, das er mitgebracht hatte, hatte wie durch ein Wunder gereicht.
„Passt genau“, hatte die alte Frau mit einem verschmitzten Blick zu ihm gesagt und ihn zur Tür begleitet. Sie winkte ihm sogar noch nach, als er sich auf den langen Weg durchs Schneegestöber bis zur Straßenbahnhaltestelle machte.
Als er einstieg, starrten ihn viele Leute an. Aber das ignorierte er, wie immer. Behutsam nahm er den schmutzigen Beutel, der all sein Hab und Gut enthielt, auf den Schoß und hielt ihn gut fest. Ein leichtes Lächeln zuckte um seine Mundwinkel, als er ab und zu einen Blick hinein warf und das kleine Plüschtier betrachtete.
Immer wieder übermannte ihn die Müdigkeit. Die wärmende Wirkung des Tees ließ schnell nach, und er fror sogar in der beheizten Straßenbahn. Mehrmals entglitt der Beutel seinem schwachen Griff, und der Teddy fiel auf den nassen, dreckigen Boden. Aber jedes Mal hob er das Geschenk behutsam wieder auf, so zärtlich als sei es sein Sohn selbst. Er wischte sorgfältig den Dreck aus dem Fell und steckte ihn wieder ein.
Nach einigen Haltestellen verließ er die Bahn und verschwand in der kalten, eisigen Dunkelheit. Er spürte die Kälte und den Hunger schlimmer denn je, und sein letztes Geld hatte er für ein Weihnachtsgeschenk ausgegeben.
Zurück in den Straßen der Innenstadt, fragte er einige Leute nach Zigaretten, um seine klammen Finger aufzuwärmen, oder etwas Geld, um sich Essen kaufen zu können.
Obwohl er von einem gnädig schauenden Studenten eine lauwarme, angebissene Bratwurst geschenkt bekam, wurde die Kälte immer unerträglicher.
Er begann zu zittern, und jede Schneeflocke in der Luft schien den kürzesten Weg in seine brennenden Augen zu suchen.
Als er sich setzte, begann der Schnee, ihn über und über zu bedecken. Aber er war zu schwach, ihn wegzuwischen. Seine Kraft reichte nur noch aus, um den kleinen Teddy aus dem Beutel zu holen und fest zu umarmen. Dann fühlte er eine unendliche Müdigkeit…

Der Schneesturm war vorbei. Kleine Schneewehen hatten sich am Wegesrand abgelagert. Ein kleiner Junge, ungefähr drei Jahre alt, schlenderte mit seiner Mutter die Straße entlang. Freudig jubelte er auf, als er auf einem großen Schneehaufen einen niedlichen Teddybären fand. Er hatte schwarze Knopfaugen und ein kuschelweiches Fell. Und er sah aus, als sei er geradewegs für ihn gemacht.
„Du bist ein Glückspilz. Ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk!“, lachte seine Mutter, und sie zogen beide weiter.
Was sie nicht sahen – und das war sicher besser so – war der arme Mann, der unter seiner Bettdecke aus Schnee in ewigen Schlaf versunken war. Seine rechte Hand war weit nach oben ausgestreckt, damit ein besonders wertvolles Geschenk nicht unter den Schneemassen begraben wurde. Felix sah seinen Vater nie wieder. Aber der Teddy wurde fortan sein bester Freund.

Glaubst du an Weihnachtswunder?

Creative Commons Lizenzvertrag
Ein Weihnachtswunder von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Deutschland Lizenz.

Samstag, 17. September 2011

Der edle Ritter und die Tochter des Todes

Hans Christian Andersen ist meine größte Inspirationsquelle und literarisches Idol Nummer eins. Er erhob die Naivität zum Ideal, noch bevor sich Antoine de Saint-Exupéry und James Matthew Barrie (natürlich ebenfalls meisterhaft) diesem Thema widmeten. Für mich ist es zum Lebensmotto geworden, es niemals zu verlernen, die Welt mit Kinderaugen zu betrachten. Unter dem Einfluss von Andersens wundervollen Kunstmärchen schrieb ich (Irgendwann im Winter 2003/2004) auch die folgende Kurzgeschichte.


Der edle Ritter und die Tochter des Todes

Es war einmal in uralten Zeiten, als man vor einer Dame noch den Hut zog und Kämpfe von Angesicht zu Angesicht ausgetragen wurden, ein armer Ritter. All seine Habseligkeiten trug er stets bei sich: Ein zartes Herz, einen wachen Verstand, scharfe Augen und das alte Schwert seines verstorbenen Vaters. Seine Kleidung war ein zerschlissener Waffenrock aus Leder, auf dem er stolz sein Familienwappen trug. Einsam zog er von Land zu Land und nährte sich von den Früchten des Weges. Kam er in ein Dorf, so wurde er freudig aufgenommen, denn sein Herz war rein und sein Handeln voll Güte. So manchen Streit schlichtete er, indem er sich mit blanker Klinge zwischen die Raufbolde stellte und sprach:
"Wollt ihr die Fäuste sprechen lassen, so müsst ihr erst mich überwinden!"
Da wurde jeder Bursche zahm, und die beiden Gegner trugen artig ihr Anliegen vor. Schon bald war er als der friedliche Ritter im ganzen Reich berühmt. Ja, er war wahrlich ein ehrenhafter Ritter, wie er im Buche steht.

Doch er trug stets einen großen Kummer bei sich: Er fand kein Weib, das an seiner Seite leben wollte. Und immer, wenn er Kinder lachen sah oder im Frühling die Liebespaare unter den Lindenbäumen saßen und sich küssten, so wurde ihm das Herz im Leibe unerträglich schwer.
Eines Abends, als er sich mit heimlichen Tränen auf weichem Waldmoos zur Ruhe betten wollte, kam eine kleine schwarze Nachtigall angeflogen und setzte sich ohne Scheu vor seine Füße. Behutsam kniete der junge Rittersmann nieder und gab dem Vogel von seiner Wegzehrung. Dann legte er sich wieder hin und schloss die Augen. Doch die Nachtigall begann, mit heller und klarer Stimme gar wundervolle Lieder zu singen,und dem Ritter war, als bekäme seine Seele Flügel. Und er entglitt in einen sanften Traum.
Mit einem glücklichen Lächeln auf dem Gesicht flog er über sonnige Landschaften, und um ihn herum schwirrten kleine Engel und Feen, die ihm liebevolle Worte ins Ohr flüsterten. Als er wieder mit den Füßen auf dem Boden stand, erblickte er vor sich eine einzelne, vollkommene Rose, die gerade aus dem Boden wuchs. Ihr Duft raubte ihm den Atem, und er kniete vor ihr nieder.
"Diese Rose ist dein Herz, das vor Liebe überquillt. Und sie ist die Wurzel deiner Qualen. Reiße sie aus, und du wirst ein zufriedenes Leben führen", flüsterte ihm eine dunkle, gesichtslose Stimme ins Ohr.
"Nein! Diese Rose ist so wunderschön... lieber leide ich, bis ich daran zerbreche. Ich will meine Liebe nicht verlieren. Denn ohne sie bin ich doch nur eines von diesen Wesen, die selbst einen Ritter brauchen, der für sie das Herz opfert. Und wehe der Welt, die Ritter braucht und keine hat"
So sprach er und stellte sich schützend vor die Rose, die in ihrer Pracht alles überstrahlte.

Dann schlug er die Augen auf. Der Morgen war angebrochen, und funkelnde Tautropfen hingen von Gräsern und Blättern. Als er den Kopf wendete, erblickte er ein wunderschönes Mädchen mit langem goldenem Haar, und ihre Wangen und Lippen waren Rosen gleich, und ihre Haut war weiß wie poliertes Elfenbein. Schlafend lag sie neben ihm, und er war von ihrem Anblick so verzaubert, dass er wie gebannt auf ihr Erwachen wartete. Als sie ihn dann anblickte, entbrannte er in tiefer Liebe zu ihr. Und unter ihren Küssen tanzte sein Herz im Leibe. Hand in Hand gingen die Beiden ein Stück des Weges,und nun schmerzte es den armen Ritter nicht mehr, wenn er glückliche Liebespaare sah.
Doch es kam der Abend, und mit dem schwindenden Tageslicht verfinsterten sich auch die schönen Gesichtszüge der Maid. Als die Sonne hinter den fernen Bergen verschwunden war, war der Ritter plötzlich wieder allein. Und so wenig wie er wusste woher sie kam, wusste er nun wohin sie gegangen war. Da wurde er noch trauriger als je zuvor. Heiße Tränen netzten sein Gesicht, und so sank er ermattet ins weiche Gras.
Da bemerkte er, dass wieder die Nachtigall auf seiner Schulter saß. Und wie als ob sie seine Trauer bemerkt hätte, hob sie sogleich zu singen an.
Da wurde er unsäglich müde und schlief ein. Wieder träumte er, über sonnige Landschaften zu fliegen und wieder schwebten an seiner Seite viele kleine Engel und Feen, die mit lieblichen Stimmen auf ihn einredeten. Dann stand er wieder vor der wunderschönen Rose, die gerade und einzeln aus dem Boden wuchs. Doch nun hingen ihre Blätter traurig herab, und einige Blütenblätter lagen verwelkt am Boden.
"Siehst du, wie dein Herz stirbt? Spürst du, wie dich jedes zu Boden gefallene Blatt mit unerträglichen Schmerzen quält? Brich die Rose ab, beende dein Leiden!"
Doch wie in der vorigen Nacht beschützte er die zarte Blume.
"Führt mich nur in Versuchung, ihr eisigen Mächte?, rief er trotzig, "mein Herz bekommt ihr nicht!"

Als er am nächsten Morgen wieder erwachte und die Augen öffnete, sah er ein Gesicht über sich, so schön wie der Frühling und so jung wie der Morgentau. Glänzend schwarzes Haar floss vom Haupte des Mädchens über die zarten Schultern, und unter ihrem Lächeln vergaß er alles was bisher geschehen war, vergaß den letzten Tag und verliebte sich unsterblich in das unbekannte Wesen.
Dieser Tag war voller Freuden, noch viel liebevoller als der letzte. Nun hoffte er, endlich das Glück seines Lebens gefunden zu haben. Und er war zufrieden mit sich und der Welt.
Doch der Abend nahte, und in der beginnenden Dämmerung ward ihre zarte Gestalt wie ein Lufthauch.

Wieder war er mutterseelenallein. Wehmut verschnürte eisig seine Kehle, und die Tränen rannen unaufhörlich. Doch er erhob keine Klage gen Himmel, denn sein Schicksal war selbst gewählt. Zu Tode betrübt und ermattet sank er am Fuße eines alten Lindenbaumes nieder und schloss die Augen. Schon bald tauchte die Nachtigall aus der Abenddämmerung auf und sang vor seinen Füßen ein sanftes Lied, das ihn in Morpheus' Reich entführte. So fand er sich in dem alten Rosengarten wieder, in dem die Blume seines Herzens stand. Schrecklich war sie zugerichtet. Auch die letzten Blätter waren zu Boden gefallen, und das blütenlose Köpfchen hing traurig zur Erde hinab. Lange, messerscharfe Dornen ragten nun aus der einst so schönen Blume. Allein ihr Anblick schmerzte den armen Ritter unerträglich. Ihm war als würde sich alles Leid der Welt über ihn ergießen, und in seiner Brust riss es ihn, als wände sich die grausame stachelige Kugel eines Morgensterns darin.
"Siehst du nun, wohin dich der dornige Pfad der Liebe führt?", sprach wieder die Stimme aus dem Nichts. Nun war es eine sanfte, engelsgleiche Stimme, in der unendlicher Kummer schwang.
"Oh du edler Ritter, bitte zieh die unselige Rose aus dem fluchbeladnen Boden! Ich kann dich nicht so leiden sehn!",schluchzte sie.
Da kniete er nieder und sprach feierlich:
"Wer auch immer Ihr sein mögt, und wie groß Euer Mitleid auch sein mag: Ich werde den Pfad der Liebe niemals verlassen. Eher sterbe ich, als dass ich kalt und herzlos werde"
Da landete die Nachtigall vor ihm und sah ihn lange an. Doch er rührte sich nicht mehr und hielt Schildwache vor der todkranken Rose.
"Du bist ein reines Wesen im Geist und Herz, dein Handeln ist eines Engels würdig. Nie sah ich einen Menschen, der den bitteren Kelch der Liebe bis zur Neige leerte und den Versuchungen der Kälte so tapfer widerstand"
So sprach die Nachtigall und verwandelte sich vor den Augen des Ritters in ein Mädchen von unvergleichlicher Schönheit. Ihr Leib war wohl gerundet als sei er Venus selbst nachempfunden. Ihre Haut strahlte weiß wie frisch gefallener Schnee, und ihre schwarzen Haare verhüllten einem Schleier gleich die in jugendlicher Unschuld gezeigte Blöße sorgsam vor den Blicken Unwürdiger. Ihre Wangen waren lieblich gerötet, als habe die rosenfingrige Eos sie sanft geküsst. Die Sonne schien ihr ein prachtvolles Diadem aufs Haupt.
"Wer seid Ihr und womit habe ich es verdient, solche Schönheit blicken zu dürfen?", fragte er voll Bewunderung.
"Mein Vater ist der Tod und meine Mutter die Sehnsucht. Vor nicht allzu langer Zeit habe ich dich bemerkt, erblickte dein reines Herz und verliebte mich sogleich in dich. Doch mein Vater ist der Herr über alles Lebende, und er ist ein sehr strenger und umsichtiger Regent. Deshalb darf ich erst jetzt vor dich treten, da du die schweren Prüfungen meiner Mutter so weise und tapfer überstanden hast. Doch nun soll all dein Leid vergessen sein"
Mit diesen Worten küsste sie ihn und er entbrannte in tiefster Liebe zu ihr. Da waren keine Schmerzen mehr, und auch die Trauer war verschwunden.
So vermählten sie sich bald und zogen in das uralte Schloss ein, das sich Hades nannte. Und während der Tod seiner undankbaren Arbeit nachging, regierte das Paar fortan über das stille Reich, in dem es niemals Aufruhr gibt und wo die Träume greifbar sind.

Sanft und schwer senkte sich die weiche Schneedecke auf den starren Leib eines einsamen Rittersmannes, der am Fuße einer alten Linde seine letzte Ruhe fand. Und das liebevolle Lächeln in seinem edlen Gesicht blieb noch lange erhalten. In seinen glasigen Augen schimmerte noch ein Nachhall des letzten Traumes, mit dem er in die ewige Geborgenheit entschwebt war.

© by Stefan Reichelt

Sonntag, 11. September 2011

Einsame Frau am Fenster

Diese Kurzgeschichte entstand im Sommer 2005. Jeden Morgen lief ich an einem Seniorenheim vorbei, in dem auch meine Urgroßmutter ihre letzten Jahre verbracht hatte. An den Fenstern saßen alte Leute und starrten hinaus...

Einsame Frau am Fenster

Müde Augen starren verschwommenen Blickes auf den Asphaltweg, der an ihrer Residenz vorbei führt. Ihre silbernen Locken, die einst blond waren, wehen sanft im Wind, der durch das angekippte Fenster haucht.
Stimmen dringen von der Straße herein. Junge Menschen laufen vorbei. Einige schnellen Schrittes, einige gemächlicher. Manche schleppen schwere Einkaufstaschen und wirken erschöpft. Sie wissen nicht, wie erschöpfend das Leben wirklich sein kann.
Ihre letzte Mitbewohnerin ist erst kürzlich verstorben. Die Nachfolgerin bekommt oft Besuch. Sie hat ihr bisher nichts davon gesagt, dass das nachlassen wird, so wie bei ihr. Die Stille dieses Exils ist bedrückend, nur selten unterbrochen von der gestresst wirkenden Pflegerin, die Medikamente oder das Essen bringt.
Manchmal hat der junge Mann für sie Zeit, der hier seinen Zivildienst leistet. Er ist der Einzige, der wenigstens vorgibt, sich für ihre Erinnerungen zu interessieren. Sie erzählt so gern davon. Manchmal wiederholt sie sich, weil das Alter ihr Gedächtnis trübt. Seine zu leisen Antworten versteht sie nicht immer, aber sie schwelgt weiter in den Erlebnissen von damals. Zwei Kriege hat sie hinter sich, und ein erfülltes Leben.
An manchen Stellen hebt sich dann der Blick des jungen Mannes erstaunt. Ja, sie hat viel erlebt, viele Hindernisse überwunden. Sie hat sich erniedrigt und aufgelehnt, sie musste Schmerzen ertragen und mit Niederlagen umgehen. Sie hat gekämpft, um ihr Leben und das ihrer Kinder. Die Kinder, die sie jetzt kaum noch sieht. Sie hat Leute gesehen, deren Namen nun in den Geschichtsbüchern stehen, und sie kann Dinge über sie erzählen, die nie aufgeschrieben wurden.
Aber niemand hört ihr wirklich zu. In diesen einsamen Stunden überlegt sie oft, warum sie eigentlich gelebt hat. All ihre Erfahrungen sind wertlos, denn sie werden mit ihr sterben. Ihre Kinder sind in der Welt verstreut und streben -jeder für sich- dem gleichen Schicksal entgegen. Warum lebt überhaupt jemand?
Sie fährt sich mit der zitternden Hand über die Stirn, als könne sie diese bedrückenden Gedanken einfach wegwischen. Ihre Finger fahren vorsichtig über die faltige Haut ihres Gesichtes. Niemand kann sich mehr vorstellen, dass sie einst wunderschön war. Nicht einmal sie selbst. Diese blassen Wangen glühten einst voll Scham, als sie ihren ersten Kuss empfingen. Diese traurigen Lippen hatten so oft gelächelt und zärtlich die ihres lieben Mannes berührt. Ihr Mann... die jungen Pärchen da draußen erinnern sie immer an ihre eigene Jugend, als sie glücklich Hand in Hand mit ihm spazieren ging.
Lange ist er nun schon tot. Genau wie die meisten Freunde von damals. Sie fühlt sich wie der letzte Baum eines alten Waldes, der bald gefällt wird, um den jungen Trieben Platz zu machen. Sie könnte so viel lehren, so viele Erfahrungen weiter geben, so wertvoll für die nach ihr Kommenden sein. Aber sie ist eine alte Frau, die von ihrer Umwelt belächelt und kaum noch als Mensch wahrgenommen wird. Sie ist ein längst vergessenes Stück Vergangenheit, das mit einem unergründlichen Blick aus dem Fenster starrt.
Auf dem Asphaltweg läuft ein junger Mann vorbei, der in Richtung ihres Fensters blickt. Zuerst lächelt er sie an, doch sein Gesicht wirkt zunehmend trauriger. Schließlich wendet er sich ab und beschleunigt seinen Gang.

Sie weiß nicht, was in ihm vorgeht. Sie weiß nicht, dass er ein Dichter ist, der über sie nachdenkt. Sie ahnt nicht, wie bewegt er ist und dass er von ihr schreiben wird. Sie sieht die Tränen nicht, die er nur mit größter Anstrengung zurück hält.
Wenn sie all das wüsste - vielleicht würde sie lächeln.

Anmerkung zur Lizenz: Diese Geschichte erschien 2006 in der "Campus Artifex" Ausgabe 06/06, Verlag PaperOne, Titel "Und es leuchtet doch...". Da der Verlag die Ausgabe wieder aus dem Programm genommen hat (Restbestände sind über mich erhältlich), stelle ich sie hiermit unter die Creative Commons BY-NC-SA.

Creative Commons Lizenzvertrag
Einsame Frau am Fenster von Stefan Reichelt steht unter einer Creative Commons Namensnennung-Nicht-kommerziell-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.